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Heartwhisper


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14.01.2008

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Höre, was dein Herz dir sagt

Ankunft

Das Schiff schwankte in den Wellen, während gewaltige Regentropfen aus dem grauen Himmel fielen und gegen die Fensterscheiben klopften. Ich sah mein ganzes Leben noch ein mal an mir vorüberziehen. Bis dahin hatte ich nicht geglaubt, dass so etwas wirklich geschah, wenn man Todesangst hatte. Juan, mein kleiner Bruder hatte sich schon lange auf die Toilette geflüchtet, doch ich wollte standhaft sein, genau wie meine Mutter. Sie saß mir gegenüber, aber ich traute mich nicht sie anzusehen so kreideweiß war sie. Mutter, die doch immer so standhaft war! Erst in dem Moment bemerkte ich, dass ich weinte. In weiter Ferne sah ich einen Blitz vom Himmel zucken und wenige Sekunden danach hörte ich den Donner grollen. Ich klammerte mich so sehr an der Tischkante fest, dass meine Fingernägel sich in das Holz gruben. Ich war doch noch viel zu junge um zu sterben!

„Entschuldigen sie, dürfen wir uns hier hinsetzen?“

Chiara sah auf und steckte ihr Notizbuch schnell wieder in ihre Tasche.

„Klar“, murmelte sie missmutig. Das Schiff hatte gerade abgelegt und in der Ferne konnte sie noch den Hafen erkennen. Wie konnte man sich nur freiwillig auf so ein Schiff begeben, dass zu so einer gottverlassenen Insel fuhr! Das Foto von ihrer Tante hatte sie zerrissen und weggeworfen ohne es auch nur einmal anzusehen. Sollte sie sie doch nicht finden. Dann könnte sie wenigstens mit der nächsten Fähre wieder zum Festland fahren. Vielleicht würde ihr Vater sie ja dann mit nach Australien nehmen, auch, wenn sie das bezweifelte. Aber wieso musste er sie ausgerechnet zu ihrer Tante schicken, von der sie vorher noch nie etwas gehört hatte?! Das Leben war so ungerecht!!!

Inzwischen hatten sich noch ein Mann und eine Frau mit ihrem kleinen Baby zu ihr gesetzt. Chiara nahm ihren Rucksack und stand auf. Sie hatte genug frische Luft gekriegt. Jetzt wollte sie sich erst mal etwas zu trinken holen.

Nachdem das Schiff angelegt hatte, hatte Chiara sich Zeit gelassen. Erst, als die meisten Leute schon draußen waren hatte sie sich ihre Koffer geschnappt und war, den Blick stur auf den Boden gerichtet, an Land gegangen. Kaum hatte sie sich auf eine Bank gesetzt sah sie schon eine Frau mittleren Alters auf sie zu rennen.

„Chiara, da bist du ja!“

Wie hatte sie sie nur so schnell finden können?

„Hallo mein Liebes, lass dich ansehen!“

Chiara spürte eine warme Hand an ihrem Kinn und musste hochsehen. Sie blickte direkt in zwei große, haselnussbraune Augen.

„Wie geht es dir? Wie war die Reise? Soll ich einen deiner Koffer nehmen?“

Die Frau schien Chiaras miese Stimmung gar nicht zu bemerken. Je finsterer Chiara drein sah, desto mehr schien sie zu lächeln.

„Komm, mein Auto steht gleich da vorne!“

Na wenigstens Autos hatten sie hier schon mal. Die Frau nahm Chiara einen Koffer aus der Hand und winkte ihr zum Mitkommen. Dann ging sie Richtung Parkplatz davon. Widerwillig stand Chiara auf und folgte ihr. Sie führte Chiara zu einem alten Golf, der wohl früher einmal weiß gewesen war, ihr jetzt aber eher gräulich vorkam. Der eine Koffer war schon im Auto. Chiara wuchtete den anderen auch hinein und machte den Kofferraum zu. Dann stieg sie vorne ins Auto ein.

Die Fahrt verlief sehr schweigsam, da ihre Tante wohl begriffen hatte, dass Chiara nicht reden mochte. Nach etwa 20 Minuten Fahrt hielten sie vor einem alten Bauernhof an.

„Ich weiß, es ist etwas anders, als du es von Zuhause gewohnt bist, aber ich hoffe du wirst dich noch einleben.“ Dieser Frau konnte aber auch gar nichts die Laune verderben!

Nachdem, was Chiaras Vater gesagt hatte, hatte sie keine Kinder, daher war Chiara recht erstaunt, als gleich sechs um die Ecke kamen und freudig auf ihre Tante zuliefen. Der älteste war ein Junge. Er war hochgeschossen und ungefähr in Chiaras Alter, wenn nicht sogar etwas älter. In seinen blonden Haaren, die ihm über die Ohren fielen, hing Stroh, genau wie in seinen Kleidern. Die anderen Kinder sahen nicht besser aus.. Er hielt ein kleines Mädchen auf dem Arm, das heftig zappelte, bis er es lachend absetzte. Hinter ihnen kamen noch zwei Mädchen und zwei Jungen.

Nachdem sie Chiaras Tante ausgiebig unter Freudenschreien begrüßt hatten, als hätten sie sie ein Jahr lang nicht mehr gesehen, wandten sie ihre Aufmerksamkeit Chiara zu, die noch immer im Wagen saß.

„Komm doch raus! Ich will dich meinen kleinen Freunden hier vorstellen!

Das ist Chiara. Chiara, das hier sind Leon,“, sie deutete auf den großen Jungen mit den blonden Haaren, „Melanie,“ ein kleines Mädchen mit rotbraunen Haaren, graublauen Augen und vielen Sommersprossen, „Klaus und Klara, die Zwillinge,“ zwei braun gebrannte Kinder von etwa zehn Jahren mit schwarzen, lockigen Haaren, „John“, der kleinste der Jungen mit strohblonden Haaren, „und zum Schluss noch unsere kleine Lilli.“ Sie deutete auf das Mädchen, dass Leon gerade eben noch im Arm gehalten hatte. „Wer ich bin weißt du ja, deine Tante Louise.“ Louise lächelte.

„Und sind das... ihr Kinder?“

Es waren die ersten Worte, die Chiara in ihrer Anwesenheit sprach und Louise freute sich sichtlich darüber.

„Nein, sie wohnen nebenan im Waisenhaus, wo ich arbeite. Aber du kannst du zu mir sagen.“

Auch das noch!

„Können sie mir sagen, wo mein Zimmer ist?“

„Natürlich, du bist bestimmt müde von deiner Reise. Komm mit.“

Chiara folgte Louise in das Haus. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie wirklich müde war. Trotzdem bekam sie noch mit, wie sie eine Treppe hinauf gingen und dann nach links abbogen.

„Hier ist dein Zimmer.“

Benommen merkte Chiara noch, wie Louise eine Tür aufschloss und ihr ein kleines Zimmer zeigte. Dann legte sie sic auf das Bett und schlief sofort ein.

Seufzend stand Louise in der Tür und betrachtete ihre schlafende Nichte. Der widerwillige Ausdruck war aus ihrem Gesicht verschwunden und wie sie so da lag wirkte sie friedlich. Louise machte einen Schritt auf sie zu und strich ihr sanft durchs Haar. Sie hatte es nicht leicht und Louise würde es ihr auch nicht leichter machen. Vielleicht hatte sie Glück und es würde gar nichts passieren, doch tief in ihrem Herzen wusste sie, dass sie sich nur etwas vormachte. Eine Träne rollte über ihre Wange und fiel auf das Kissen neben Chiara. Dann drehte Louise sich um und schloss die Tür leise hinter sich.

Chiara wachte davon auf, dass jemand in ihrem Zimmer war. Als sie die Augen aufschlug konnte sie Leon erkennen, der gerade ihre Koffer neben das Bett stellte. Gerade, als er sich umdrehte um zu gehen setzte Chiara sich auf.

Anscheinend hatte er es gehört, denn er drehte sich zu ihr um und musterte sie.

„Hab ich dich aufgeweckt?“

Chiara nickte geistesabwesend, während sie sich im Zimmer umsah. Es war recht klein und spärlich möbeliert. Gegenüber des Bettes hing ein großer Spiegel an der Wand, dessen Goldrahmen schon angelaufen war. Rechts daneben stand ein großer alter Kleiderschrank, der mit geschnitzten Blumen an beiden Seiten verziert war. Auf dem alten Holzboden lag ein flauschiger, dunkelroter Teppich. An der Fußseite des Bettes stand ein brauner Ledersessel und ganz an der Wand hing ein Regal, auf dem einige verstaubte Bücher standen. Alles hier wirkte ein wenig antik.

Leon war ihrem Blick gefolgt.

„Das hier war früher Louises Zimmer.“

„Habt ihr alle so kleine Zimmer?“, fragte Chiara ohne darauf einzugehen.

„Wie man’s nimmt. John und ich teilen uns ein Zimmer drüben, im Waisenhaus. Es ist vielleicht etwas größer als das hier, aber wir sind froh, dass wir hier bei Tante Louise sein können und nicht in irgendein Waisenhaus auf dem Festland müssen.“

Eine Weile lang sagte keiner der beiden etwas.

„Du freust dich nicht gerade hier zu sein, hab ich recht?“

„Auch schon aufgefallen?“ Chiara hatte keine Lust darüber zu reden.

„Warum bist du dann her gekommen?“

„Weil Papa momentan auf einer Geschäftsreise ist.“

„Und deine Mutter?“

„Vergiss es einfach! In ein paar Wochen bi ich hier eh wieder weg und so lange muss ich es halt notgedrungen hier aushalten.“

Leon sah so aus, als wollte er noch etwas sagen, hielt dann jedoch den Mund.

„Es gibt gleich Abendessen, vielleicht hast du Lust runterzukommen?“

„Ich überlege es mir.“

Damit war das Gespräch beendet und Leon verließ das Zimmer.

Als Chiara aufstand fiel ihr auf, dass sie in Anziehsachen geschlafen hatte. Sie seufzte und strich ihre Sachen glatt. Dann machte sie sich ans Auspacken.

Als sie herunter kam hörte sie schon reges Stimmengemurmel, dem sie einfach folgte, da sie noch nicht wusste, wo das Esszimmer war. Sie gelangte in eine große Küche, in deren Mitte ein Tisch stand, um den die anderen herum saßen.

„Hallo Chiara, schön, dass du dich zu uns gesellst. Setz dich.“

Louise deutete auf einen freien Sitzplatz neben ihr und Chiara setzte sich. Auf ihrer anderen Seite saß ein Mädchen, dass sie bisher noch nicht gesehen hatte. Sie hatte braunes langes Haar, das sie mit einem Haargummi zurückgebunden hatte, und beugte sich über ein Buch.

Louise, die Chiaras Blick bemerkt hatte sagte: „Das ist übrigens Marie. Sie ist schon seit dreizehn Jahren bei uns im Waisenhaus.“

Marie sah auf, als sie ihren Namen hörte.

„Was ist los?“

„Ich habe Chiara gerade gesagt, wie du heißt.“ Zu Chiara gewandt fügte Louise noch hinzu: „Sie liest eigentlich immer. Nach einer Weile gewöhnt man sich dran.“ Aufmunternd lächelte sie ihr zu.

„Möchtest du Spaghetti?“

Nach dem Abendessen verzog Chiara sich wieder hoch in ihr Zimmer. Dort holte sie ihr Handy raus und überprüfte ihre SMS. Ihr Vater hatte ihr geschrieben und gefragt, ob sie gut angekommen sei, aber sie hatte keine Lust zu antworten. Außerdem hatte sie noch eine Werbe-SMS, die sie gleich löschte und eine SMS von Toby:

Hi, Schatzi, wie geht es dir?

Ist die Insel einigermaßen erträglich?

Ich vermisse dich jetzt schon,

Gruß und Kuss, Tobylein

Chiara legte sich auf ihr Bett und begann eine SMS einzutippen.

Als sie fertig war machte sie das Handy wieder aus und stand auf. Sie stellte sich vor den Spiegel und betrachtete sich darin. Sie hatte rotgoldene leicht gelockte Haare, die sich an den Enden widerspenstig in alle Richtungen kringelten. Ihre Augen waren eine Mischung aus blau und grün. Das war das einzige, was sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Besonders auffällig waren ihre Wimpern und Augenbrauen, sie sehr hell, fast blond, waren.

Chiara war nicht gerade sehr groß und hatte einen stämmigen, aber trotzdem schlanken Körperbau. Sie war kräftig und gelenkig und gehörte zu den besten ihrer Klasse in Sport. Es machte ihr einfach Spaß. Trotzdem hatte sie nicht vor Sportlerin zu werden. Häufig wurde sie gefragt, ob sie Schauspielerin werden wollte, wie ihre Mutter, aber auch dazu hatte sie keine Lust, obwohl ihr oft gesagt wurde, dass sie Talent hatte. Im Laufe der Zeit hatte sie gelernt zu erkenne, was eine Lüge und was die Wahrheit war, wer es wirklich ernst meinte und wer nur mit ihr angeben wollte.

Doch was ihr größter Traum war, dass wusste niemand. Wer hätte auch gedacht, dass die Tochter einer berühmten Schauspielerin und eines erfolgreichen Geschäftsmannes Schriftstellerin werden wollte! Keiner wusste von dem kleinen Notizbuch, dass immer in ihrer Tasche lag und nur darauf wartete gefüllt zu werden. Das war ihr kleines Geheimnis, das sie nie jemandem erzählen würde, noch nicht ein mal Toby.

Sonnenschein

Als ich aufwachte fand ich mich am Strand wieder. Die Sonne hatte meine Kleider getrocknet und ich hatte das Gefühl, ich müsste mich gleich übergeben. Stattdessen hustete ich und ein Schwall Salzwasser kam aus meinem Mund. An meinen Kleidern und Haaren klebte Sand und die Luft flimmerte vor meinen Augen. Langsam, ganz langsam richtete ich mich auf und sah mich um. Ich war auf einer Insel gelandet. Mir war schlecht, der Boden schwankte unter meinen Füßen, mein Kleid war ruiniert, die Sonne prallte mir ungehindert auf den Kopf und ich hatte keine Ahnung, wo ich eigentlich war, aber ich lebte!

Chiara wurde durch das schrille klingeln eines alten Weckers geweckt, der auf dem Nachttisch hinter ihrem Bett stand. Stöhnend drehte sie den Kopf und machte ihn aus. Als sie auf das Ziffernblatt schaute war es sechs Uhr morgens!

„Tolle Ferien!“, murrte sie leise und suchte den Knopf, wo man den Wecker ganz ausschalten konnte. Als sie ihn gefunden hatte ließ sie sich in das Bett zurückfallen, doch an einschlafen war nicht mehr zu denken, also stand sie auf und zog sich an. Nachdem sie sich auch noch die Haare gekämmt und fertig geschminkt hatte war sie schon fast wach und schlich in Hausschuhen die Treppe hinunter. Dabei fiel ihr eine Tür unter der Treppe auf, die sie am Vorabend ganz übersehen hatte.

Das Haus war noch leise, also zog Chiara sich ihre Sportschuhe an und öffnete die Tür. Zu ihrer Verwunderung war nicht abgeschlossen, aber wahrscheinlich gab es auf einer so kleinen Insel auch keine Diebe. Die Sonne war gerade aufgegangen dun es wehte eine frische Briese. Sie konnte das Meer riechen und machte die Tür hinter sich zu. Wenigstens einen Vorteil hatte es auf einer Insel zu wohnen. Man hatte das Freibad direkt vor der Tür. Vielleicht würde sie heute ja noch mal schwimmen gehen.

„Du bist schon wach?“ Erschrocken fuhr Chiara herum. Tante Louise stand hinter ihr. Sie war gerade aus einem Nebengebäude des Hauses gekommen, dass ein wenig an einen Stall erinnerte.

„Der Wecker hat geklingelt.“ Murmelte Chiara leise.

“Oh, das tut mir leid, wahrscheinlich habe ich vergessen ihn auszustellen.“

Chiara musterte ihre Tante. Sie trug schwarze Stiefel und hatte ein grüne Schürze umgebunden. Ein wenig erinnerte sie Chiara an ihre Mutter, obwohl die beiden nicht verwand waren. Hochgeschossen, dünn, braune Haare, braune Augen. Allerdings hatte Chiaras Mutter dunklere Haut, als Louise.

„Willst du mir helfen die Kühe auf die Weide zu bringen?“

KÜHE?!

Anscheinend hatte Chiara ziemlich entsetzt geguckt, denn Louise lachte los.

„Keine Angst, du musst nichts machen, die finden den Weg schon von alleine. Komm doch einfach mit, dann zeige ich dir ein bisschen der Insel.“

Chiara nickte. Sie hatte ja eh nichts besseres zu tun. Louise öffnete das Tor zum Stall und die Kühe trotteten heraus. Es waren insgesamt siebzehn, wenn Chiara richtig gezählt hatte.

Hinter ihnen kam noch ein großer, bellender Hund, der die Kühe vorantrieb. Er hatte braunes zotteliges Fell und lief immer im zickzack hinter den Kühen her, die langsam den Weg entlang trotteten. Ein kleines Lächeln schlich sich auf Chiaras Gesicht, dass schnel aber wieder verschwand, als sie ihre Tante ansah. Der Hund kam auf sie zu und sprang an ihr hoch. Fast hätte er sie umgeworfen, trotzdem war Chiara nicht wütend. Der Hund konnte am wenigsten dafür, dass sie hier war, außerdem mochte sie Hunde. Nur ihr Vater nicht, weshalb sie keinen eigenen hatte.

„Na mein kleiner?“ Sie bückte sich und kraulte ihn hinterm Ohr.

„Er heißt Terron“, rief Louise ihr zu, die vor den Kühen ging und sich gerade zu ihnen umgedreht hatte.

Chiara stand wieder auf und Terron folgte ihr. Irgendwie hatte der kleine Hund es geschafft sie allein mit seinem Schwanzwedeln aufzumuntern. Um einiges glücklicher als noch vor zehn Minuten lief sie den Kühen hinterher.

Nach dem Frühstück holte Chiara ihre Badesachen heraus und packte, zusammen mit einem großen Handtuch, in ihre Sporttasche. Das Wetter war wunderbar. Es gab kaum Wolken am Himmel und auch der Wind war nicht zu stark, auch, wenn er einem Großstadtmädchen, dass nicht an ein so windiges Wetter gewöhnt war vielleicht doch recht stark vorkam. Als sie aus der Tür herauskam sah sie Leon, der, mit geschlossenen Augen, vor dem Haus auf einer kleinen Bank saß und sich von der Sonne wärmen ließ.

Als sie an ihm vorbei ging öffnete er die Augen.

„Wo willst du hin?“

„Zum Strand, schwimmen gehen.“

„Hast du Louise gesagt, dass du gehst?“

„Ich habe ihr einen Zettel hingelegt.“

„Ach so.“

In diesem Moment kam Terron um die Ecke und sprang an Chiara hoch. Sie lachte und streichelte ihm über den Kopf.

„Du hast Terri schon kennen gelernt?“

„Ja, heute morgen.“

Leon schmunzelte. „Er scheint dich ja richtig zu mögen. Normalerweise ist er nicht so zutraulich zu Fremden.“

„Jetzt kennt er mich ja, da bin ich keine Fremde mehr.“

Chiara schulterte ihr Tasche und richtete sich wieder auf.

„Wie dem auch sei, ich geh dann mal.“

„Viel Spaß!“

Obwohl Chiara den Weg nicht kannte fand sie den Strand doch rech schnell. Auf einer Insel war das ja auch nicht schwer. Er war noch relativ leer. Sie sah zwar schon einige Frühaufsteher im Wasser, aber es würde wahrscheinlich noch sehr viel voller werden. Chiara suchte sich ein Plätzchen zwischen den Dünen, wo sie ihr Handtuch ausbreitete. Nachdem sie sich ausgezogen hatte, (ihren Bikini hatte sie schon vorher untergezogen), ging sie ins Wasser. Es war noch etwas kühl und kleine Wellen schwappten ihr gegen die Beine. Vorsichtig machte sie noch einige Schritte. Unter ihren Füßen konnte sie jede Menge Muscheln und kleiner Steine spüren, doch durch das klare Wasser sah sie auch, dass nach etwa ein bis zwei Meter wieder Sand kam, wenn man mal von der ein oder anderen vereinzelten Muschel absah, die dort noch lag. Nach wenigen Schritten stand sie bis zu den Knien ins Wasser und spürte den Sand unter ihren Füßen. Überall, wo sie hin trat wirbelten kleine Sandwölkchen unter Wasser auf. Sie machte noch einige Schritte und stand jetzt bis zum Bauch ins Wasser. Sie holte ein mal tief Luft und tauchte dann unter. Als sie wieder hoch kam rieb sie sich als erstes das Meerwasser aus den Augen, aber immerhin hatte sie sich jetzt an die Temperatur des Wassers gewöhnt. Mit einigen Zügen schwamm sie weiter ins Meer hinaus und als sie sich wieder hinstellte ging ihr das Wasser bis zur Brust.

Jetzt hatte Chiara endlich mal das Gefühl von Urlaub!

Sie tauchte wieder unter und schwamm so lange am Boden entlang, bis sie wieder zum Luftholen auftauchen musste. Das Meer glitzerte im Sonnenlicht und blendete ein wenig. Der Sonnenschein wärmte Chiaras Haut. Die Wellen waren hier draußen etwas größer und Chiara sprang bei jeder ein wenig in die Höhe und ließ sich von ihr tragen, um nicht überspült zu werden. Sie schloss die Augen und ließ ihr Gesicht vom Sonnenlicht wärmen. Es war sehr angenehm auf der feuchten Haut. Chiara schmeckte etwas Salz auf den Lippen. Sie spürte im Wasser, wenn eine neue Welle kam und ließ sich von ihr tragen. Hätte sie bloß ihre Luftmatratze mitgenommen!

Als Chiara ihre Augen wieder öffnete war sie dem Strand schon wieder ein ganzes Stück näher gekommen- Etwas weiter rechts glaubte sie ihr Handtuch zwischen den Dünen auszumachen. Wie schon erwartet waren inzwischen noch einige Touristen mehr an den Strand gekommen. Er füllte sich langsam. Chiara schwamm wieder ein wenig hinaus. Wenn sie unter Wasser war spürte sie ihre Haare auf dem Rücken, was sie irgendwie an das Bild einer Meerjungfrau erinnerte, die durch das Wasser glitt, während das lange Haar hinter ihr her floss. Chiara stellte sich vor sie hätte einen Fischschwanz und müsse so schwimmen. Doch weit kam sie nicht, dann ging sie unter und musste ihre Beine wieder auseinandernehmen um hochzukommen.

Als ihr langsam langweilig und das Wasser immer voller wurde ging Chiara raus und legte sich zurück auf ihr Handtuch, dass sie nach einigem Suchen wiedergefunden hatte. Der Sand klebte an ihren Füßen und die anfängliche Kälte, die kam, wenn man nach langer Zeit wieder aus dem warmen Wasser kam, war unter den wärmenden Sonnenstrahlen schnell wieder verflogen. Chiara buddelte ihre Füße in den Sand ein, während sie ihre Haare im Wind trocknen ließ. So um die Mittagszeit war der Strand dann fast überfüllt. Wenn sie jetzt hergekommen wäre, überlegte Chiara, wäre sie wahrscheinlich gleich wieder gegangen.

Als sie einen Blick auf ihre Uhr warf zog sie sich ihren Rock und das Top wieder an. Der Bikini war schon lange trocken. Da ihre Füße noch immer sehr sandig waren nahm sie sich die Flip-Flops in die Hand und machte sich auf den Weg nach Hause. Bis zur Straße hatte sie den meisten Sand schon abgelaufen und sie zog sich ihre Flip-Flops wieder an, da der schwarze Teer sich durch das Sonnenlicht aufgewärmt hatte und das ihrer Meinung nach viel zu heiß war.
 

Schlösser


Bei der Erkundung der Insel hatte ich feststellen müssen, dass es hier anscheinend keine Menschen gab. Auf jeden Fall war ich auf keine Stadt, ein Dorf oder etwas ähnliches gestoßen. Ich hatte die Suche schon fast aufgegeben, als ich Fußspuren im Sand entdeckte. Ich folgte ihnen und gelangte an eine dunkle Höhle grauen im Fels, von dem fast die ganze Insel bedeckt war. Vorsichtig machte ich einige Schritte hinein und stieß mit dem Fuß gegen etwas Kühles. Neugierig beugte ich mich herunter um es aufzuheben.
Als Chiara wieder beim Bauernhof ankam, sie hatte etwas suchen müssen bevor sie ihn wiedergefunden hatte, war noch immer keiner da. Trotzdem war die Tür, wie schon am Morgen, nicht abgeschlossen. Sie öffnete die Tür und stellte ihre Flip-Flops zu den anderen Schuhen, die rechts neben der Tür unter dem Garderobenständer standen. Im Haus war es angenehm kühl und Chiara verspürte auf ein mal großen Durst. Nachdem sie etwas getrunken hatte wollte sie die Treppe gerade wieder hochgehen, als ihr Blick auf die Tür fiel, die ihr schon am Morgen aufgefallen war. Wahrscheinlich führte sie in den Keller oder in eine Art Rumpelkammer vermutete Chiara, denn etwas anderes hätte nicht unter die Treppe gepasst.
Die Tür hob sich kaum vom Hintergrund ab. Nur die dunkle Linie an der Seite und die Türklinke fielen ein bisschen auf. Chiara drückte sie runter und ruckelte ein wenig daran.
„Abgeschlossen“, murmelte sie leicht enttäuscht und lies wieder los. Gerade, als sie sich umdrehte glaubte sie etwas leises zu hören. Es erinnerte entfernt an ein Klopfen.
„Hallo?“, rief sie leise und dann noch ein mal etwas lauter: „Hallo?“
Niemand antwortete. Noch ein Mal nahm Chiara die Klinke in die Hand und drückte.
Ohne ein Geräusch schwang sie nach innen und gab den Blick auf eine Treppe frei, die nach unten führte. Also wirklich ein Keller. Vorsichtig machte Chiara einen Schritt nach vorne und schloss die Tür hinter sich. Sie machte sie allerdings nicht ganz zu, da sie befürchtete sie danach nicht mehr aufzubekommen. Sich vorsichtig an der Wand entlangtastend stieg Chiara langsam Stufe für Stufe weiter hinunter. Im Kopf zählte sie die Stufen. 8, 9, 10, 11, 12, 13.
Dann war Schluss. Chiara tastete an den Wänden nach einem Lichtschalter, konnte jedoch keinen finden.
„Hier muss doch irgendwo eine Art Lampe sein!“, murmelte sie leise. Genau in dem Moment ging plötzlich das Licht an. Es war hell, blendete aber nicht. Es kam aus einer Lampe, die oben and der Decke befestigt war, allerdings konnte Chiara immer noch keinen Lichtschalter entdecken. Vielleicht gab es hier ja so etwas wie einen Bewegungsmelder.
Aufmerksam sah Chiara sich um. Der Raum wirkte fast viereckig, allerdings standen an einer Wand einige Regale mit Büchern, die es etwas kleiner wirken ließen. In der Mitte stand ein Tisch mit einer dunkelblauen Tischdecke, auf dem einige Kerzenhalter in einer merkwürdigen Formation aufgestellt waren. Erst nach genauerem Hinsehen fiel Chiara auf, dass es an einen Stern mit einer Kerze in der Mitte erinnerte. In den Kerzenhaltern waren, passend zu der Tischdecke, dunkelblaue Kerzen befestigt und um den Tisch herum standen vier Stühle.
In einem der Regale in der Mitte war eine Kommode, die mit einem Vorhängeschloss versehen war. Chiara trat darauf zu und nahm es in die Hand. Zu ihrem Überraschen merkte sie, dass es gar nicht richtig zugemacht schien. Dabei hatte es gerade eben noch so verschlossen gewirkt. Sie zuckte mit den Achseln und öffnete die Kommode. Darin war erst nur ein reines Zettelwirrwarr zu erkennen. Chiara nahm einen in die Hand und hielt ihn ins Licht. Darauf war der Stern abgebildet. Das Muster, nachdem auch die Kerzen auf dem Tisch aufgestellt waren.
Chiara durchwühle die Zettel weiter und stieß auf ein altes, vergilbt aussehendes Buch. Es war in rotbraunes Leder gebunden und mit einer goldenen Schnalle versehen. Als Chiara es in die Hand nahm hatte sie das Gefühl ein Rascheln zu hören. Gespannt setzte sie sich an den Tisch und legte es vor sich hin. In verschlungenen Buchstaben , deren goldene Farbe schon begann abzublättern, stand darauf: Méroièn; und darunter in etwas kleineren Buchstaben: Ein Schlüssel zur Wahrheit
In dem Moment hörte Chiara jemanden die Treppe herunterkommen. Schnell schloss sie die Schublade wieder und legte das Buch auf einen Stuhl unter den Tisch.
„Hallo? Ist hier jemand?“
Louise kam die Treppe herunter. Sie war gerade von den Einkäufen zurückgekommen, als ihr auffiel, dass die Kellertür geöffnet war. Sogar das Licht war an.
„Hallo?“
Schnell kam Louise die Treppe herunter. Als sie Chiara sah fiel ihr die Einkaufstüte, die noch nicht abgestellt hatte, aus der Hand.
„Wie kommst du denn hier rein?“
Chiara stand da, als hätte sie Louise erwartet. In ihren Augen konnte Louise eine Art Schuldbewusstsein, aber auch ein wenig Trotz erkennen. Außerdem schien sie irgendetwas verbergen zu wollen.
„Habe ich die Tür offen stehen lassen?“
Chiara antwortete erst nicht. Dann nickte sie zögerlich, allerdings hatte Louise das Gefühl, dass sie es selbst nicht so recht glaubte.
Wie ist sie nur hier rein gekommen? Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht...
Eine Weile sagte keiner von beiden etwas.
„Hilfst du mir Essen zu machen?“
Chiara nickte, offensichtlich froh darüber nicht hatte erklären zu müssen, warum sie hier war.
„Ich komm dann gleich“, sagte Chiara und ihr Blick wanderte kurz zum Stuhl. Louise schien kurz zu überlegen, drehte sich dann aber um und stieg die Treppe hoch. Schnell nahm sich Chiara das Buch, sie wusste selbst nicht, wieso, und lief ihr nach. Als sie aus der Tür kam hielt sie es so, dass Louise, die ihr immer noch den Rücken zugedreht hatte, selbst, wenn sie sich umdrehte, nicht sehen konnte und lief dann schnell die Treppe hoch.
In ihrem Zimmer tat sie das Buch in die hinterste Ecke des Schrankes, zwischen ihre Unterhosen. Da würde es hoffentlich niemand finden.
Dann machte sie sich auf den Weg nach unten um Louise zu helfen.
Das Mittagessen verlief recht schweigsam. Chiara wollte so schnell wie möglich fertig sein, um wieder nach oben in ihr Zimmer zu können. Nachdem sie beim Geschirrspülen mitgeholfen hatte, sie wollte ja keinen Verdacht erregen, ging sie schnell nach oben. Am Morgen war ihr noch aufgefallen, dass in der Tür ein Schlüssel steckte. Jetzt schloss sie ab und ging an den Schrank um das Buch herauszuholen.
Es wirkte sehr als und irgendwie zerbrechlich. Wenn Chiara es in die Hand nahm glaubte sie es knistern zu hören, aber das war sehr unwahrscheinlich, da das Papier, so wie es aussah, sehr fest aufeinander lag, sodass sich das Papier während die Schnalle zu war eigentlich nicht bewegen dürfte. Die Schnalle selbst war mit vielen kleinen Zeichen übersäht, die Chiara ein wenig an Runen erinnerten. So ähnlich hatten die Zeichen auf dem Stein im Wikingermuseum ausgesehen. Allerdings wirkten sie doch noch etwas anders. Irgendwie runder und eleganter. Chiara konnte kein Schloss oder sonst etwas in der Art auf der Schnalle erkennen. Auch konnte man sie nicht drehen oder schieben. Sie lies sich überhaupt nicht öffnen! Ratlos wendete Chiara das Buch in den Händen. Auf dem Buchrücken stand dasselbe, wie auf dem Buchdeckel und die Hinterseite war völlig frei von Schriftzeichen jedweder Art.
Eine magische Anziehungskraft schein von dem Buch auszugehen. Es war so, als wäre es elektrisiert. Wenn Chiara ihre Hand nur dicht darüber hielt, ohne es zu berühren stellten ihre Härchen sich auf und sie bekam eine Gänsehaut.
Noch ein mal versuchte sie das Buch zu öffnen. Die Tür und die Schublade waren ja schließlich auch aufgegangen, aber nichts passierte.
Als es an die Tür klopfte schrecke Chiara so hoch, dass sie beinahe das Buch fallen gelassen hatte. Erst wollte sie es unter die Decke stecken, aber das schien ihr zu unsicher. Also hob sie die Matratze ein bisschen an und legte das Buch in die Mitte unter das Bett. Dann öffnete sie die Tür. Draußen Stand Leon, er hatte gerade wieder die Hand gehoben um zu klopfen, als sie die Tür schnell aufriss. Etwas verwundert sah er sie an. Dann schien er sich wieder zu fassen und nahm die Hand herunter.
„Willst du mit in die Stadt kommen? Ich könnte dich ein wenig herumführen.“
Chiara nickte lächelnd und schloss die Tür schnell hinter sich.
„Gerne“


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